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Und überhaupt...

Sieben Minuten

Erstellt von Willy Oevermann | |   Kolumne

Da ist ja wohl so'n Neunmalkluger auf die supertolle Idee gekommen, dass mit Anpfiff des Spiels alle stehend auf das erste Tor unserer Jungs warten. Erst wenn sie getroffen haben, dürfen sich alle OHV-Fans wieder hinsetzen. Na, toll!

Geschlagene sieben Minuten hat das gegen Dormagen gedauert. Sieben stundenlange Minuten!

Dormagen führte schon mit vier Toren und wir konnten uns das alles oben mit- ansehen – stehend wohlgemerkt! Nach dem zweiten Fehlversuch war es bereits etwas unruhig unter den Nichtsitzenden geworden; nach dem dritten wurde schon etwas lauter gestöhnt und plötzlich spürte jeder, wie er selbst Druck auf die Spieler aufbaute, um endlich sitzen zu können.

Sieben Minuten sind eine lange Zeit und Leute, die erstmals in der Halle waren, mussten den Eindruck gewinnen, die Sitzgelegenheiten wären nur Deko. Manch anderer könnte bereits überlegt haben, seine Karte schnell an der Kasse gegen eine vermutlich günstigere Stehplatzkarte einzutauschen.

Es ist so eine Sache mit der Geduld. "Geduld und ich, - wir sind überhaupt keine Freunde!" erzählte mir jüngst Mohanad Sinjab, ein syrischer Flüchtling. Und wir in der westlichen Welt sind da noch viel kribbeliger. Mehr als 55 Prozent der Deutschen nehmen "Wartezeiten als größtes Ärgernis im Alltag" wahr. Die Rede ist nicht vom Warten auf Lebensnotwendiges, ein Spenderorgan oder die Feuerwehr, wenn's brennt. Das alltägliche Warten vor der Kasse im Supermarkt, wo es in der eigenen Schlange immer am langsamsten vorangeht oder auf dem Bahnhof. Immer wenn wir unfreiwillig zu Passivität gezwungen werden, schalten der Kopf und unser Kreislauf in den Ärgermodus.

Sieben Minuten sind eine verdammt lange Zeit und jeder kann sich leicht vorstellen, was in sieben Minuten alles passiert:

-      da ist das Frühstücksei schon eine Minute zu lange im siedenden Wasser

-      da ist ein Pils ordentlich gezapft

-      da hat der FCB in der Nachspielzeit noch einen Ausgleich geschafft/ bekommen

-      da hat Arturo Vidal bereits zwei Blutgrätschen fabriziert und war jedes Mal unschuldig

-      da ist der Geschlechtsakt deutscher Ehepaare seit drei Minuten erledigt

-      da hab ich den ersten Satz dieser Anekdote schon fast fertig.

-       da hat mancher - vom Stehen auf der Tribüne - schon erste Krampfadern.

 

Wer sich mit den Worten des weisen russischen Schriftstellers Leo Tolstoi "Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann." trösten kann, der kann's ja gerne machen. Ich hab dafür keine Zeit.

 

Willy-Ungeduld Oevermann 

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