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Und überhaupt...

Das ist ja interessant

Erstellt von Willy Oevermann | |   Kolumne

Von den größten Spielern, die der deutsche Handball je hervorgebracht hat, ist er der Größte gewesen. So jedenfalls hatte eine Trainerjury 1999 entschieden und ihn zum „Handballer des Jahrhunderts“ gekürt: Erhard Wunderlich

Er hätte Bernhard Kempa, Herbert Lübking, Hansi Schmidt oder Jo Deckarm vor sich gesehen, wunderte sich der Gefeierte, nahm die Auszeichnung dann aber doch sehr erfreut an.

Der Weltmeister von 1978 war damals mit 21 Jahren der jüngste Spieler im Vlado-Stenzel-Team gewesen und maßgeblich am Titelgewinn beteiligt. Knapp zwei Jahre zuvor war der gebürtige Augsburger vom VfL-Gummersbach-Macher Eugen Haas vom Fleck weg verpflichtet worden, nachdem er denen in einem Freundschaftsspiel die Bude mit 13 Treffern vollgeschossen hatte. Der 2,04 m lange Schlacks aus Bayern (bekam auch gleich den Spitznamen Sepp verpasst) konnte unglaublich hoch springen und sein verzögerter Sprungwurf machte ihn gefürchtet, berühmt und zu einem der besten Handballer der Welt. „Er war kaltschnäuzig, frech und hatte schon jung ein großartiges Spielverständnis; ein Filigrantechniker und überragender Angriffspieler,“ erinnerte sich Kurt Klühspies, sein Dauerrivale aus Großwallstadt und damaliger Nationalmannschaftskollege.

Für die Blau-Weißen aus dem Oberbergischen war der Ausnahmeathlet von 1976 bis 1983 aktiv und gewann in der Zeit alles, was es zu gewinnen gab. International und, national sowieso. 1983 krönte der Sepp seine Titelsammlung mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister und der Europameisterschaft der Vereinsmannschaften. 1984 gehörte der Rückraum-Linke zum Silbermedaillenteam bei der Olympiade in Los Angeles und brachte es in 140 Länderspielen auf insgesamt 503 Tore. Das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste sportliche Auszeichnung der BRD, erhielt der „Riese mit den Polypen-Armen“ gleich dreimal: 78, 83 und 84.

All dies war natürlich auch für die größten Klubs der Handballwelt verlockend und so holte der ganz große CF Barcelona den Rechtshänder mit einem hochdotierten Vierjahresvertrag auf die iberische Halbinsel. Als der Wechsel bekannt wurde, brachte er das in die Topnachrichten der „Tagesschau“. Aber der Deutsche wurde nicht so recht glücklich bei den Katalanen - obwohl er den Europapokal gewann - und so kehrte er schon nach einem Jahr wieder zurück und heuerte – zur Verwunderung aller Experten und Fans – beim Münchner Zweitligisten TSV Milbertshofen an, die er dann flugs in die erste Liga schoss. 1988 beendete der Lange erstmals seine aktive Karriere, um sie ein Jahr später beim VfL Bad Schwartau (nicht nur der Laie wunderte sich) wieder fortzusetzen. Es folgte eine Zeit als Manager, bevor er dann Unternehmer wurde.

Dass er schwer erkrankte, blieb den meisten verborgen und als Sepp Wunderlich am 04. Oktober 2012 in Köln dem Hautkrebsleiden erlag, stand die Handballwelt für einen Moment still. „So einer wird nur alle 100 Jahre geboren,“ trauerte Vlado Stenzel „und er war im Angriff das größte Talent, das wir je in Deutschland hatten!“

Nur ganze 55 Jahre alt ist der Sepp geworden, unser „Handballer des Jahrhunderts“.

Willy Oevermann

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