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"Erst war ich Klein-Fusi, dann Fusi"

Erstellt von Silke Meyer, ON-Digital vom 05.04.2019 | |   1. Herren

ON-Interview: OHV-Mannschaftsführer Sven Seidler spricht über seine Handballkarriere, ihr Ende und erklärt seinen Spitznamen

Aurich. Er ist der Fels in der Abwehr der Handballer des OHV Aurich. Aber nur noch bis zum Ende dieser Saison. Sven Seidler hat, wie berichtet, entschieden, seine sportliche Karriere zu beenden. Seit 2008 spielt er für den OHV. Im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten blickt der Mannschaftsführer zurück, nach vorn, sagt, warum er bei Heimspielen meist ohne ein Kind an der Hand einläuft und wie er zu seinem Spitznamen „Fusi“ gekommen ist. 

 

Ostfriesische Nachrichten: Sie sind jetzt 30 Jahre. Nein, anders: erst 30 Jahre. Das ist eigentlich kein Alter, um mit dem Handball aufzuhören. Warum diese Entscheidung? 

Sven Seidler: Seit ich 15 bin, spiele ich nahezu profimäßig Handball. Da meldet sich dann irgendwann der Körper. Inzwischen brauche ich Tage, um den Akku wieder aufzuladen. Dazu kommt, dass ich seit diesem Monat beruflich bei der Bereitschaftspolizei in Oldenburg bin. Und dann habe ich ja auch noch eine Familie mit einer inzwischen dreijährigen Tochter. Es gibt Tage, da gehe ich um fünf Uhr aus dem Haus, fahre nach dem Dienst zum Training und bin dann um 21 Uhr wieder zu Hause. Meine Familie hat das fast sieben Jahre mitgemacht. Eigentlich hätte ich ja bereits Ende vergangener Saison aufhören wollen. Aber als feststand, dass wir aus der 3. Liga absteigen, habe ich gesagt, so kannst du dich nicht verabschieden. Mit Rückendeckung der Familie habe ich dann noch ein Jahr drangehängt. Auch, weil in der Oberliga der zeitliche Aufwand der Auswärtsfahrten deutlich geringer ist. Nach elf Jahren ist jetzt aber der passende Zeitpunkt, aufzuhören. 

 

Elf Jahre zurück, das war 2008, als sie damals von der TG Münden zum OHV gewechselt sind. Hätten Sie damals gedacht, dass sie so lange bleiben würden? 

Warum hätte ich wechseln sollen, wenn’s funktioniert? Mir war es immer wichtig, Spaß am Handball zu haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Spieler Anerkennung findet, der kaum Tore wirft. Das Grundkonzept im Verein hat gestimmt. Der Handball hat zwar immer im Fokus gestanden. Aber der Verein hat es auch immer ermöglicht, dass man sich beruflich etwas aufbauen konnte. Ich habe immer Jahresverträge gehabt. Vor eineinhalb Jahren habe ich den Vereinsverantwortlichen meinen Entschluss, aufzuhören, mitgeteilt, damit sie genug Vorlaufzeit haben, um sich nach Ersatz umzusehen. Alles, was die neue Saison betrifft, da halte ich mich raus. Ich kann nicht eine Meinung vertreten, mit der andere dann klarkommen müssen. 

 

Gibt es etwas, was Sie gerne in Ihrer Laufbahn noch erreicht hätten? 

Mein Wunsch war es immer, in der 2. Liga zu spielen. 

 

Sie hatten ja ein Jahr nach ihrem Wechsel zum OHV auch ein Zweitspielrecht für den Zweitligisten Wilhelmshavener HV. 

Ja. Aber jetzt ist es so gekommen, wie es ist. Als Jugendlicher, als ich auf dem Sportinternat in Magdeburg war, habe ich mit vielen zusammengespielt, die inzwischen in der 1. und 2. Liga antreten und es sogar in die Nationalmannschaft geschafft haben. Fabian Böhm zum Beispiel. Es ist schön, mit solch guten Handballern zusammengespielt zu haben. Aber ich bin hier in einer guten Ecke angekommen. 

 

Was war der positive Höhepunkt in Ihrer Karriere? 

Den Moment gibt es nicht. Aurich an sich ist das Highlight, der Verein. So etwas gibt es im Handballsport sehr selten. 

 

Sie sind ein leidenschaftlicher Abwehrspieler. Das ist bis hoch auf die letzte Tribünenreihe in der Sparkassen-Arena zu spüren. 

Ich bin aber kein Techniker. Bei mir tut’s immer weh. Ich spiele hart, aber immer mit Respekt vor der Gesundheit des Gegenspielers. Man muss sich nach dem Spiel noch in die Augen sehen können. Ich kassiere auch schon mal zwei Minuten. Aber dann war ich einfach zu langsam. Tore werfen ist zwar ein wichtiger Teil vom Handball, reizt mich aber nicht. Ich mag lieber Mann gegen Mann. Auch bei Spielanalysen halte ich mich, was den Angriff betrifft, raus. Ich sage dann immer, mein Vertrag hört an der Mittellinie auf. 


Wie sieht’s mit Roten Karten aus? 

(nach langem Überlegen) Wenn, dann nach drei Zeitstrafen. Einen Fairnesspreis würde ich aber trotzdem nicht bekommen. 

 

Sie haben in Ihrer Laufbahn zwei richtig schwere Verletzungen gehabt. Im Januar 2012 in der 3. Liga sind Sie mit einem Bizepssehnenriss ausgeschieden, im April 2017 war es eine komplizierte Schulterverletzung. Wie sind Sie damit umgegangen? 

Die erste Verletzung habe ich mit jugendlichem Leichtsinn genommen. Nach der Schulterverletzung aber war ich ziemlich unten. Da wollte ich eigentlich schon aufhören. Die positiven Reaktionen aus dem Verein und von meinem Dienstherrn haben mich dann wieder aufgebaut. Die Jungs aus der Mannschaft haben mir tüchtig geholfen. Ich probier’s, aber gebt mir Zeit, habe ich ihnen damals gesagt. Ich hatte echt zu kämpfen und den Unterschied zu damals gemerkt, wie lange der Körper braucht. Sascha (der damalige Physiotherapeut des OHV, die Red.), hat mich dann maßgeblich mit aufgepäppelt. Im Dezember habe ich angefangen, mit dem Ball zu arbeiten und war in der Rückrunde wieder dabei. 

 

Sie sind jetzt im dritten Jahr Kapitän der Mannschaft. Der Stamm des Teams weiß, wo’s langgeht. Mit wem bekommen es neue Mannschaftskollegen zu tun? 

Ich kann ein Arsch sein, aber ich bin ein fairer Arsch. Bei mir gibt es erst die Peitsche. Wenn die Spielregeln klar sind, dann macht’s auch Spaß. Einige bekommen am Anfang wahrscheinlich einen Kulturschock. Du hast als älterer Spieler aber die Verantwortung und die Pflicht, das begrenzte Wissen, das du hast, an Jüngere weiterzugeben. 

 

Ihre Trikotnummer ist die elf. 

Ja, schon immer. Seit Magdeburger Zeiten. 

 

Weil? 

Ich bin ein Freund der Ordnung. Und die eins sieht auf beiden Seiten gleich aus. Weil ich immer ein Leistungsträger war, war die elf auch immer meine Nummer. Die war gesetzt. In der Polizeiauswahl ist sie auch meine. Da habe ich aber mit Christoph (Groß, Seidlers Teamkollege auch beim OHV, die Red.) drum geknobelt. 

 

Ihr Spitzname ist Fusi. Was hat es damit auf sich? 

Damals in Magdeburg spielte im Bundesligateam ein Isländer. Sigfus Sigurdsson. Ein Bär von Mann. Genannt Fusi. Ich hab zu der Zeit dort in der C-Jugend gespielt, war auch schon kräftig und habe mir meine Haare abrasieren lassen. Eine Kurzhaarfrisur war einfach praktisch. Damit hatte ich Ähnlichkeit mit dem Isländer. Anfangs war ich Klein-Fusi, dann nur noch Fusi. Und der bin ich immer noch. 

 

Jetzt naht das Karriereende. Vier Punktspiele plus die Aufstiegsspiele sind es noch bis dahin. 

Ich mache jetzt aber nicht hinter jedes einen Haken. Das letzte Heimspiel und das Aufstiegsspiel sind im Kalender aber rot markiert. 

 

Am 27. April werden Sie dann zum letzten Mal in einem Punktspiel in die Sparkassen-Arena einlaufen. Mit oder ohne einem Kind an der Hand? Meistens laufen Sie ja ohne ein. 

Zum Spiel einzulaufen ist schon cool. Du hörst deinen Namen, ein klasse Gefühl. Aber vor einem Spiel bin ich immer in einem Tunnel. Da würde ich einem Kind keinen Gefallen tun, wenn es mit mir einläuft. Zum Abschluss aber werde ich wohl mit meiner Tochter Nike einlaufen. 

 

Was kommt nach dem Handball? 

Sport mache ich trotzdem. Tauchen, schwimmen. Da habe ich mir schon Alternativen gesucht. Handball in der Polizeiauswahl spiele ich weiter. Und dienstags werde ich auch bei den Jungs des OHV vorbeischauen, wenn im Training gekickt wird. 

 

Sie würden bestimmt auch als Trainer oder in ähnlicher Funktion ankommen. 

Dann bin ich ja wieder jedes Wochenende unterwegs. Und so viel Leidenschaft, wie bei uns Arek Blacha auf die Bank bringt, mit welcher Professionalität er Spiele vorbereitet, das würde ich nicht hinkriegen. 

 

Elf Jahre hat der Handball Ihren Terminkalender diktiert. Jetzt können Sie losgelöst davon planen. Was werden Sie tun? 

Erst einmal verreisen. Seit fünf Jahren sind wir nicht mehr im Urlaub gewesen. Ich würde zum Beispiel gerne mal nach Tokio. Aber zunächst einmal stehen Tauchreviere ganz oben an. 

 

Was bleibt? 

Zu 98 Prozent schöne Erinnerungen an meine Zeit beim OHV. 

 

 

 

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Der OHV-Mannschaftskapitän Sven Seidler lebt Handball. Fotos: Wolfenberg
Nach einer komplizierten Schulterverletzung ist es Seidler schwergefallen, noch einmal zurückzukommen.
Bei Heimspielen In die Sparkassen-Arena einzulaufen, ist für den OHV-Mannschaftsführer ein klasse Gefühl. Meist läuft er ohne ein Kind an der Hand ein.
Als Seidler 2016 im Rahmen der Flüchtlingsinitiativen als Sportkoordinator für die Johanniter tätig war, hatte er eine Gruppe zum Spiel eingeladen und wurde anschließend gefeiert.
Seitdem Seidler beim OHV ist, ist die Abwehr sein Ding (im Bild im Zweitligaspiel im April 2009 beim TSV Altenholz).